SPIEGEL-Autor entpuppt sich als Betrüger

Einer der Journalisten des SPIEGEL hat jahrelang Reportagen erfunden oder mit erfundenen Details ausgeschmückt. Am Mittwoch ging der SPIEGEL damit an die Öffentlichkeit:

Die Reportagen des Autors waren schön geschrieben, aber letzten Endes nur Gefälligkeitsjournalismus, der die Vorurteile und Erwartungen der Leser bedienen sollte. Am Besten zeigt sich das an der Geschichte über eine Stadt in Minnesota, die als hinterwäldlerische Hillbilly-Kommune beschrieben wird. Die Bewohner der Stadt haben sich mittlerweile zu Wort gemeldet und 11 Lügen in der Reportage benannt:

Auch Interviews, wie mit dem letzten lebenden Mitglied der Weißen Rose, sind offenbar frei erfunden obwohl er die Dame tatsächlich interviewt hat. Nur deutlich kürzer als er seinen Kollegen erzählt hat:

Der SPIEGEL hat mittlerweile Strafanzeige gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter gestellt, weil dieser illegal Spenden für ausgedachte Protagonisten seiner Stories gesammelt haben soll:

Die Kritik an diesen literarischen Reportagen ist übrigens nicht neu. Aus dem Jahr 2010:

Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenporträt aus dem “Spiegel” liest, das am Freitagabend für den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr flüssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auffällt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf. Das, ein äußerst populäres Verfahren in der Preisträger- und Nominiertenprosa der vergangenen fünf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seriöser Journalismus. Wenn schon die Schlagzeile “Regierung will Steuern senken” ungenau ist, weil wir Journalisten nicht wissen können, was die Regierung wirklich will; wir wissen nur, was sie sagt, dass sie wolle - dann ist die Behauptung, einer wisse, was ein anderer denke, ein Bluff und eine Hochstapelei. Und wenn es Literatur wäre, dann wäre es trivial. Richtige Literatur versagt es sich, die Gedanken sämtlicher Figuren zu lesen.

Und genau das ist das Problem mit den Preisträgerreportagen: Sie wollen Literatur sein, sie weigern sich aber, das Kleingedruckte zur Kenntnis zu nehmen. Keine Selbstreflexion, kein Bewusstsein davon, dass es jenseits der Sätze das Unsagbare geben könnte, jenseits der Psychologie das Unerklärte. Eine Geschichte hat einen Anfang, und am Schluss laufen alle Stränge des Erzählens wieder zusammen. Ein Abgrund heißt Abgrund, und wer hineinschaut, sieht, wie das Schicksal mit Playmobilfiguren spielt. So ein Preisträgertext geht mit dem Serienkiller zum Kaffeetrinken und mit der Kanzlerin zum Schwimmen im See, und Gedanken, die man lesen kann, tun keinem richtig weh.

Aber weh tun soll es auch nicht. Hauptsache, die Leser gucken betroffen. Oder wenigstens die Juroren von Reportagepreisen.

http://www.reporter-forum.de/fileadmin/pdf/Diverse_andere_Texte/Die_Verniedlichung_der_Welt.pdf?fbclid=IwAR0D6wA0Nfnel_DPyUqXtIK8S8OD8-NEAN-4FDq4rF8YZQ3MvrdFFDPF5Fs

Wenn mich nicht alles täuscht, beschäftigt sich der Thread Vertrauen in die Medien schon mit diesem Thema, oder?

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